Spätfröste an Obstgehölzen richtig deuten
Spätfröste im Frühjahr treffen Obstgehölze in einer Phase, in der sie besonders verletzlich sind. Nach einem milden März haben viele Bäume bereits ausgetrieben, Knospen sind geschwollen oder stehen kurz vor dem Aufblühen. Ein Kälteeinbruch mit Temperaturen unter minus zwei Grad über mehrere Stunden richtet dann Schäden an, die sich nicht sofort zeigen. Wer die Reaktionen seiner Gehölze kennt, kann den tatsächlichen Schaden besser einschätzen und muss nicht in Panik veredeln oder roden.
Die sichtbaren Symptome sind oft missverständlich. Junge Triebe können schlaff herunterhängen, Blätter verfärben sich braun oder glasig, und manche Knospen öffnen sich gar nicht mehr. Entscheidend ist, wann der Frost kam: vor, während oder nach der Blüte. Ein Frost vor dem Öffnen der Knospen kostet meist nur einen Teil der Ernte, weil Reserveknospen nachtreiben. Frost während der Blüte zerstört die Narbe, und die Fruchtanlage fällt innerhalb weniger Tage ab. Nach der Blüte erfrieren bereits angelegte Früchte, was oft zu einem welligen Fruchtansatz führt. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass manche Gehölze ähnlich wie Reben auf Stress mit sichtbaren Flüssigkeitsverlusten reagieren – wer verstehen will, warum die Rebe vor dem Austrieb blutet, erkennt Parallelen zum Saftdruck, der auch bei Obstbäumen nach Frosteinwirkung auftreten kann.
Für die Bewertung schneidet man einige Knospen quer auf. Ist das Innere grün und fest, lebt das Gewebe. Braune, wässrige oder schwarze Stellen zeigen abgestorbenes Gewebe. Bei Äpfeln und Birnen sind die Blütenknospen empfindlicher als die Blattknospen, bei Kirschen und Pflaumen entscheidet der Entwicklungsstand. Ein zweiter Kontrollschnitt eine Woche später zeigt, ob sich das Gewebe weiter zurückzieht oder ob neue Augen austreiben. Wer zu früh zur Säge greift, entfernt oft noch lebendes Holz.
Pflegemaßnahmen nach einem Spätfrost sollten zurückhaltend ausfallen. Kein starker Rückschnitt, keine stickstoffbetonte Düngung, dafür ausreichend Wasser und ein Blick auf die Wundheilung. Gesunde Bäume bilden Johannistriebe und erholen sich über die Saison. Ein Totalausfall der Ernte bedeutet nicht das Ende des Gehölzes. Wichtig ist, den Frostzeitpunkt zu notieren, um bei der Sortenwahl künftig robustere und später blühende Varietäten zu bevorzugen.