Rückschnitt im Spätwinter: wer austreibt und wer nicht
Wer im Februar oder frühen März zur Schere greift, sieht oft zwei völlig unterschiedliche Reaktionen. Der eine Strauch schiebt innerhalb weniger Wochen kräftig aus den alten Augen durch, der andere bleibt kahl und treibt erst gar nicht wieder aus. Der Unterschied liegt nicht in der Jahreszeit, sondern in der Biologie des Gehölzes. Entscheidend sind die sogenannten schlafenden Augen, die entlang der Triebe sitzen, sowie die Fähigkeit der Pflanze, aus dem alten Holz neu auszutreiben. Arten, die ihr Blattwerk überwiegend aus endständigen Knospen aufbauen, verlieren bei einem radikalen Schnitt genau diese Knospen und reagieren entsprechend empfindlich. Andere bilden Johannistriebe oder verfügen über zahlreiche Adventivknospen, die erst nach einem Verlust aktiviert werden.
Ein zweiter Faktor ist der Zeitpunkt des Austriebs im Verhältnis zum Frost. Gehölze, die früh im Jahr austreiben, haben ihre Reserven bereits in die Knospen verlagert, bevor die letzten Nachtfröste vorbei sind. Wird dann zurückgeschnitten, fehlen diese Reserven, und die Pflanze kann nicht mehr rechtzeitig nachschieben. Spät austreibende Arten besitzen dagegen mehr Puffer, weil ihre Knospenruhe länger anhält und der Schnitt vor dem Austrieb erfolgt. Wer sich unsicher ist, welche Arten einen starken Eingriff vertragen und welche nicht, findet bei Gehölze für radikalen Rückschnitt eine brauchbare Orientierung, bevor die Säge angesetzt wird.
Dazu kommt der Zustand des Wurzelsystems. Ein tief verwurzelter, gut versorgter Strauch steckt einen starken Rückschnitt leichter weg als ein flach wurzelndes Exemplar, das ohnehin unter Trockenheit oder Nährstoffmangel leidet. Auch das Alter spielt eine Rolle: Junge Pflanzen regenerieren sich schneller, während alte, über Jahre vernachlässigte Sträucher oft nur noch schwach reagieren. Wichtig ist außerdem der Schnitt selbst. Ein glatter, sauberer Schnitt knapp über einem Auge heilt schneller als eine gequetschte Wunde. Wer zu tief ins alte Holz schneidet, entfernt mitunter die letzten schlafenden Augen und nimmt der Pflanze die Möglichkeit zum Neuaustrieb.
In der Praxis lohnt es sich, vor dem Rückschnitt zu prüfen, ob die Art überhaupt auf altem Holz austreibt. Wer das berücksichtigt, erspart sich den Frust über kahle Sträucher im Sommer. Und wer unsicher bleibt, schneidet zunächst nur einen Teil der Triebe zurück und beobachtet die Reaktion bis zum Frühsommer. So lässt sich der Eingriff dosieren, statt den Strauch im Spätwinter vollständig auf den Stock zu setzen.